Neue Alte Schule 2
01.12.2012. Wir eröffneten die gemeinsame Ausstellung „Neue Alte Schule“ von Ingrid und Dietrich Bahß, verbunden mit einem Konzert von POLIS, die ihre neue CD präsentierten.
Der Titel der Ausstellung „Neue Alte Schule“ gibt einen Hinweis auf die Arbeitsweise beider Fotografen. Der Einsatz der 6x6-Kamera durch Dietrich Bahß und einer analogen Kleinbild-Kamera durch Ingrid Bahß, die Nutzung von Stativ und Lichtquellen, die manuelle Bestimmung von Blende, Belichtungszeit weisen auf klassisches Handwerk hin. Am Computer werden die Negative gescannt, bearbeitet, um daraus eine Druckvorlage herzustellen. Bewährtes traditionelles Herangehen trifft auf die Nutzung moderner Technik: „Neue Alte Schule“.
Ingrid Bahß, Jahrgang 1949 ist in der Altmark, einer Region mit weitem Blick über Äcker und Elbauen, aufgewachsen. Die Flußlandschaft, das Leben der einfachen Menschen auf dem Lande – berühren Ingrid Bahß immer wieder und finden ihren Ausdruck in den Fotos.
Seit 1983 leben Ingrid und Dietrich Bahß in Köln. Einen Teil des Jahres verbringen sie in der Altmark in ihrem Landhaus. Licht, Wolken, Landschaft, die Überschaubarkeit des Lebens im 800-Seelen-Ort, in dem die Bewohner persönlichen Anteil am Geborenwerden und Sterben nehmen. . . Dann wieder Abtauchen in Köln mit seinen vielen unbekannten Gesichtern, dem ungebremsten Leben in den Bewegungen, den Kneipen, Cafes, Szenen.
Erste Fotoreihen entstanden Anfang der 80ger Jahre. Fotografieren, Texte schreiben, herumstromern – alles dient dem Versuch der Selbstvergewisserung, der Suche nach der Antwort. Der notgedrungene Abschied von der Arbeit im Fotolabor, von der analogen Fotografie, schmerzt noch immer. Ingrid Bahß ist besessen von der „magischen Präsenz des Gewöhnlichen“. Sie nimmt für sich in Anspruch, was Bresson meinte: „Fotografie ist nichts. Was mich einzig interessiert ist das Leben.“
Nun kommt sie mit Raumecken daher. Ingrid Bahß teilt dazu mit: „Als ich mich auf den Weg machte, um meiner Geborgenheit in der Leere Ausdruck zu verleihen, sind die Raumecken auf mich zugekommen. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich verstehe meine Fotos als einen Hinweis in eine Richtung, die ins Irgendwo führt. In welchen Bildern ich ankommen werde, ist offen… Die Raumecken sind eine Station auf dem Wege.
In meinem Tagebuch finde ich die folgenden Eintragungen: "4.52 Uhr Blick in Raumecken. Ich betrete sie in meiner ganzen Einsamkeit.
Tag und Nacht suche ich diese Schattenplätze, verdunkelte Orte… Ein Glücksgefühl seit 4 Tagen. Ich habe meine Arbeiten auf dem Boden ausgebreitet. Ich überprüfe ihre Gültigkeit immer wieder. Jeden Morgen eine Sicherheit in mir. Etwas Schöneres gibt es nicht."
Notizen älteren Datums, gesammelte Zitate – Fundstücke, geben mir Hinweise: "Ich habe den Gedanken, daß ich in diesem Raum mein Zeitgefühl verlieren könnte, daß unbemerkt Jahre verstreichen und ich als weißhaarige Greisin hervortreten könnte."
Dieses kraftlos kümmerliche unbestimmte Licht legt sich stillvertraulich auf die Zimmerwände. Wenn der Mensch seine Aufmerksamkeit nach innen lenkt, so erfaßt er, daß alle Dinge aus der Leere kommen und zu ihr heimkehren und daß dieses Hinausgehen und Wiederheimkehren nur eine einzige Bewegung ist, obgleich wir es so beschreiben, als wären es zwei. Gewißheit zu suchen, ist aufregend und lebensgefährlich. Eine Hommage an das Prinzip des Reduzierens. Das Licht hat etwas Ehrfurchtgebietendes, Gewichtiges an sich. Ein Schauer vor dem „Ewigen“ erfaßt uns.
Die mangelhafte Form oder unvollkommene Form scheint besser geeignet, den Sinn auszusprechen, denn die Vollkommenheit der Form lenkt die Aufmerksamkeit auf die Form selber und nicht auf die innere Wahrheit. Das Leben des Menschen besteht darin, geboren zu werden, zu essen und zu trinken, zu heiraten, Kinder auf die Welt zu bringen und am Ende ins Unbekannte wieder dahinzugehen. Nichts kann einfacher aussehen als dies Leben zu leben, wenn man es so auffasst.“
Dietrich Bahß, Jahrgang 1949, sagt von sich:
„Meine Lebensschwerpunkte sind Hoym am Harz, Schulpforta an der Saale, Magdeburg an der Elbe, Köln am Rhein und Werben an der Elbe. Meine Antworten finde ich in der Literatur, in der Musik, der Bildenden Kunst, im Gespräch… Die Digitalisierung und Aufarbeitung meines umfangreichen Foto-Archivs, die Arbeit an neuen Fotoprojekten, Fernsehen und Kneipenbesuche nehmen meine Zeit in Anspruch.“
Dietrich Bahß arbeitet seit den 70ger Jahren an Fotovorhaben. In Eschenbach stellt er Porträts vor. Ihm liegt nicht daran, gängige Vorstellungen von idealem Körper und Gesicht zu bedienen. Die Fotos sind streng, sachlich komponiert, direkt. Kraftvoll.
Dietrich Bahß bedient sich bei allen Fotos der Aktserie der halbnahen Einstellung. Es geht ihm darum, das Augenmerk des Betrachters auf die Figuren in ihrem engsten räumlichen Umfeld zu lenken. Das Bildgeschehen spielt sich somit auf der mimischen und gestischen Handlungsebene ab. Die junge indische Fotografin, die bei einem Besuch im Arbeitsraum die Fotos von Dietrich Bahß sah, reagierte spontan: „Es geht um das Gesicht, um das Antlitz“. Damit formulierte sie das Anliegen des Fotografen. Der aufmerksame Betrachter findet spontan den Weg ins Gesicht der abgelichteten Frau oder des Mannes, hält sich dort auf und geht von hier aus auf Entdeckungsreise.
Wach, zart, direkt und wahrhaftig sind diese Schwarz-Weiß-Fotos von Dietrich Bahß. Sie konnten auf der Basis des gegenseitigen Vertrauens entstehen. Dietrich Bahß hat auf Angebote zu Ausstellungen stets zurückhaltend reagiert. Schließlich zeigte er Fotos in Magdeburg, Köln und Werben/Elbe. Es gibt eine Spur, die von den Aktfotos gelegt ist und zu den Raumecken führt. In ihrer Kraft, ihrer Schlichtheit, ihrer Präsenz gehen die Raumecken und die Aktfotos ein Bündnis ein und treten uns gemeinsam gegenüber. Keine Arbeit drängt sich in den Vordergrund, will als erste gesehen werden. Eine ebensolche Zurückhaltung, wie sie Dietrich und Ingrid Bahß als Fotografen und im Miteinander bevorzugen.
(Autorin: Ingrid Bahß)
Wer schon einmal POLIS hören möchte, hier ein Song aus der CD Polis [Eins] - Schwester Abenddämmerung: